| Originaltext
erschienen in "La Dépêche de Tahiti" (1996) und in
"La
Tribune Polynésienne" (1995)
Es gibt tausende von Beweggründen, sich tätowieren zu lassen.
Hier bekommen Sie einen neuen Einblick :
Von der Ritz- zur Tatootechnick.
Schon vom Anbeginn der Menschheit an wurden siegreiche Jäger und Krieger
für ihre heldenhaften Taten bewundert, und au einem tiefen Bedürfnis
heraus "gekennzeichnet", also mit Narben oder gefärbten Ritzen
von den anderen Tributmitgliedern herausgestellt, d.h. als wichtige
und wertvolle Person anerkannt. Mit dieser Auszeichnung wurden die Narben
als etwas Besonderes angesehen und somit willentlich angefertigt.
Zum selben Zeitpunkt kamen auch die Rituale der männlichen Körperreife
auf. Junge Männer, die zum ersten Male mit erfahrenen Kriegern auf Beutezug
ausgingen und folglich, mit Wunden bedeckt, wiederkamen, zeigten
so Mut und Stärke. Falls diese Reifeprüfung aus irgendeinem Grunde
so nicht stattfand, wurden die Narben und Kratzer in der Haut von den
Mitkriegern selber angebracht.
Auch absichtliche Markierungen überbrachten so die gewollte Botschaft
von gesellschaflicher Anerkennung vor allem bezüglich der jungen Mädchen,
die der Halbwüchsige zu verführen hatte.
Später erschienen die Ritze in klarer Ordnung, feiner, komplexer. Die
Ritzkunst der Narben wurde den Nadelspezialisten anvertraut, den Tätowierern.
Phänomen einer multikulturellen,
komplexen Gesellschaft
Heutzutage sind solche mutmasslich angefertigten Verletzungen verschwunden,
was bleibt, ist die gängige Modeerscheinung Piercing, Circumcision und
Tätowierungen oder Tatoos.
In unserer westlichen Welt verwenden traditionell Seefahrer und Sträflinge Tätowierungskunst,
um sich so zu kennzeichnen und als Mikrogesellschaft zu outen, als gäbe
es einen direkten Zusammenhang zwischen soziologischer Isolation und
Hautschmuck.
Die Eingeborenen Polynesiens waren lange Zeit von jeder Zivilisation getrennt,
das Leben der Insulaner auf der komplexen Vulkansteintrümmern schuf
Voraussetzungen für kleinere, voneinander abgeschnittenen Volksgruppen.
Hier findet sich dasselbe Konzept der Seefahrer auf ihrem Schiff oder
der Häftlinge in ihrem Gefängnis. Darstellung
der Persönlichkeit ?
Schon immer lassen sich Polynesier bei jeder wichtigen Etappe in ihrem
Leben tätowieren (Heirat, Geburt, Reise, Handel), so dass sich auf ihrer
Haut der ganze persönliche Werdegang ablesen lässt.
In jedermanns Leben gibt es wichtige Abschnitte, die besonders
herausgestellt werden sollten.
Ein Tatoo ist ein ausgezeichtetes Mittel, die Entwicklung Ihrer Persönlichkeit
direkt auf der Haut darzustellen.
Es steht auch für eigenständige Reife.
Es unterstützt seinen Träger und verschafft ihm, wie ein Talisman,
magische Kraft durch positive Ausstrahlung intensivster Suggestion.
Zur Veranschaulichung zitieren wir das Beispiel eines tiefen Schwurs
: eine Person gelobt ein Versprechen und lässt sich zur Besiegelung
eine Tätowierung stechen. Verzagt oder entmutigt, reicht ein Blick auf
das Schlüsselbild, um wieder intensiv das Versprechen aufleben zu lassen.
Die unnachahmbare Intensität des Schmerzes der Nadelstiche beim Tâtowiervorgang
hilft aus, um das Versprechen zu halten.
Touristen lassen sich häufiger in Polynesien tätowieren, um die Erinnerung
in voller Stärke jederzeit wiederaufleben zu lassen. Jedes Mal bei Betrachtung
des Ornaments wird vor seinem geistigen Auge die blauen Lagunen, die
Lieder und Tänze sowie das gesamte Insulaner-Ambiente wieder aufleben.
Hypnotische Kraft
Die dekorative Wirkung eines Tatoos ist nur die Spitze des Eisbergs
der eigentlichen Motivation, die zu dem Entschluss führt, sich tätowieren
zu lassen. Das unzähmbare, wilde Wesen dieses symbolhaften Ornamentes
ist Lebendigkeit, die ständige Bewegung des ureigenen Körpers, sich
selbst treu, und nicht das brave Bild an der Wand.
Es bewegt sich wie ein eigenes Wesen, treu jedoch und auf ewig versiegelt
mit dem Körper wie die Seele, die dieser beinhaltet. Diese
Bewegung erhebt die Tätowierung in eine übergeordnete Position und gibt
ihr hypnotische Kraft.
Diese hypnotische Kraft wurde schon als Kriegsbemalung von erfahrenen
Kämpfern benutzt, um Gegnern gegenüber Dominanz zu beweisen.
Die erotische Ausstrahlung eines Tatoos kommt direkt von der hypnotischen
Pracht lebenden Schmucks (etwa des Pfaus), der sich jeder Bewegung genau
anpasst und somit erfolgreich im Balzverfahren angewandt wird.
Der Schattenmensch
Professionelle Tätowierer werden oft gebeten, ein Motif auf die Haut
zu stechen, dass der Kunde unterbewusst als frühere Lebensfigur erlebt,
oder die ein Teil seiner versteckten Persönlichkeit ausmacht, eine Art
Schatten. oder Doppelleben.
Einige Kunden fragen nach menschgesichtigen Eidechsen, flammenumgebene
Totenköpfe, Samuraïkrieger und tausend anderen tief unterbewussten ,
rätselhaften Erscheinungen.
Die Verwirklichung des konkret anschaulich gewordenen, unterbewussten
Impulses auf der eigenen Haut ermöglicht dem Kunden, seine "andere"
Seite anzuerkennen. Dank dieser Möglichkeit lebt er bewusster, abgeklärter,
einfach besser.
Der Formgebung des unterbewussten Schattens kann Teil einer eigenen Psychoanalyse
sein und helfen, Neurosen zu heilen. Diese Person wird sich besser
fühlen, die Lebensangst mindern und ihr Selbstvertrauen wecken.
Gleich einem Opiumrausch
Es gibt kein schmerzfreies Tatooverfahren.
Einige Menschen nehmen Alkohol zu sich, bis zur Betrunkenheit, um eben
diesen Schmerz besser zu ertragen. Diesem Verhalten ist aus folgenden
Gründen abzuraten :
Alkohol wirkt adernerweiternd und die Tätowierung wird so mit unnötig
viel Blut belastet. Die Tinte wird durch das Bluten eher ausgewaschen,
die Stiche müssen tiefer unter die Haut und der Vorgang des Tätowierens
wird peinvoller und länger. Des weiteren verwässert durch Alkohol ausgelöste
Anästhesie den freien Willen und erweitert so die Schmerzen um vielfaches.
Der Tätowierungsvorgang teilt
sich in 2 Phasen auf : Umriss- und ausfüllende Stiche.
Die Anbringung der Umrisse des Tatoos verursacht vielfache Pein, der
Körper findet nicht genug Zeit, sich an genau dieser Stelle an die Schmerzen
zu gewöhnen. Die inhaltlichen Stiche hingegen werden langsamer und auf
winzig kleinen Stellen angebracht, der Körper ist also in der Lage,
sich auf den Schmerz einzustellen. Diese körpereigene hormonelle Reaktion,
Anpassung an den Aussenimpuls, wird durch ein Analgenikum gesteuert,
Endorphin. Die schmerzstillende Wirkung bei ständiger Hautreizung durch
das Nadelstechen geht direkt an das zentrale Nervensystem etwa wie bei
Morphium.
"Was ? Schon fertig ? " fragen Menschen oft nach Beendigung
eines Tatoos erstaunt und sehnen sich fast nach mehr von diesem Erlebnisschmerz,
der sich im Laufe des Tätowierens in einen etwas dösigen Zustand verwandelt,
den einige mit einem opium-ähnlichen Rausch vergleichen. Jede
Einzelperson, die beim Tätowieren durch Endorphine vor sich hin dämmert,
kann sich bei Konzentration auf das Hier und Jetzt auf seine tiefsten
Gründe besinnen, die zu diesem Tatoo führten. Phantasiebilder gelangen
leichter in das eingedämmte Bewusstsein und können durch Meditation
zur Erkenntnis und zum Verstehen dieser Bilder seiner Persönlichkeit
führen.
Das Tatoo - ein echter Talisman
Kinder strafen sich oft unbewusst selber ab, wenn sie eine Dummheit
begingen, z. B. durch Hinfallen oder Anstossen unmittelbar nach
der Unart. Auch Erwachsene tappen oft in diese Falle und wir hören des
öfteren den Satz "Gott hat uns gestraft".
Heute weiss man, dass es sich dabei um Reue nach einer schlechten
Tat handelt, es ist jedoch recht schwer, mit dieser Reue zu leben, die
bei schweren Fällen oft in Selbstvorwürfen oder Neurosen endet.
Die Selbststrafung ist auch in der christlichen Religion vorhanden,
vorbildlich im Mittelalter. Sie hatte die Funktion, das Schuldgefühl
auszuschalten. Eine Tätowierung (eine Tatoo) kann ebenfalls eine Form
der Selbststrafung sein. In diesem Falle ist der durch die Nadelstiche
verursachte Schmerz einer Beichte ähnlich, die in der Befreiung
von den Schuldgefühlen endet.
Durch das Tatoo werden die Selbstvorwürfe direkt in langsam abschwellender,
reifer Trauer verarbeitet.
Wie ein Talisman steht das Tatoo also auch für instinktives Verarbeiten
der Trauer.
Bernard Lompré |